1. #1
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    Standard Unbekannte Gesicht, Das (aka "Die schwarze Natter")

    Gesamtübersicht aller Kritiken zu Das Unbekannte Gesicht:

    #02 08.05.07 Vince
    Geändert von Vince (08.05.2007 um 16:22 Uhr)

  2. #2
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    DAS UNBEKANNTE GESICHT
    Ausschnitte aus meiner ofdb-Kritik

    Ein Film wie Blätterkrokant, wie eine umgekehrte Mumifizierung oder das Schälen einer Zwiebel - Schicht für Schicht wird abgetragen, bis das Verborgene langsam Form annimmt. “Die schwarze Natter”, ein Glied der schwarzen Serie, das sich über visuelle Reize und ungewöhnlich eingesetzte Gimmicks definiert.

    Gerade erst war Robert Montgomery mit “Die Dame im See” an der subjektiven Kamera gescheitert, dient sie dem dritten Film Humphrey Bogarts mit Lauren Bacall an seiner Seite bereits wieder als erster von insgesamt drei Akten. Delmer Daves baut die Geschichte voller Wendungen um drei Erzählperspektiven, die leicht an “Der Unsichtbare” (1933) erinnern: Im Mittelpunkt ein gejagter Mann, bis zur 35. Minute aus der Ich-Perspektive dargestellt; zur vollen Stunde hin ein Mann in Gips und zuletzt Humphrey Bogart in Fleisch und Blut, so wie man ihn kennt.

    Unleugbar ist dabei der Triumph des Spektakels mit Pauken und Trompeten über die storytechnische Raffinesse, denn bei näherer Betrachtung bietet Delmer Daves nichts weiter als einen Film Noir-Plot von der Stange an. Die Zutaten - düstere Gestalten, eine korrupte Welt, eine Femme Fatale, Gefahren, Einsamkeit und Isolation, Verwirrung und falsches Vertrauen - sind allesamt da, sie werden aber nie in neue Bereiche gepeitscht. Nur dem großzügigen Einsatz von Experimentierfreudigkeit in der technischen Umsetzung ist es zu verdanken, dass das Werk aus der breiten Masse ragt. Eine enorme Intensität ist ihm keineswegs abzusprechen, auch der Unterhaltungsfaktor wird groß geschrieben.

    Besonderen Gefallen dürften gar Anhänger von William Castle finden und solche, die bei Hitchcocks Arbeiten vor allem den schwarzen Humor und die B-Movie-Parts geschätzt haben. Bogart und Bacall (die eine sehr einprägsame Leistung bringt) liefern sich immer wieder gewitzte Wortduelle inmitten der Unsicherheit ihrer Beziehung und Randfiguren wie der Nachtwächter, dem Bogart einen Polizisten vor das fahrende Auto stößt, sorgen für deftige Einlagen voller Komik. Ein dezenter Surrealismus, der seinen Höhepunkt in der Vision des Sträflings während seiner Gesichts-OP findet, lässt Parallelen zu “Spellbound” und entfernt auch “Vertigo” zu. Die aktionsbetonte Hektik nach der Flucht ermöglicht derweil Vergleiche zu “Die 39 Stufen” und “Der Unsichtbare Dritte”. Es ist mitunter schon ein Best Of der kuriosesten Momente aus 50 Jahren Hitchcock, abgeschmeckt mit der sensationslüsternen Präsentation eines William Castle, Suspense gewagt mit plötzlichen Storytwists konterkarierend.

    In der einprägsamen Darstellungsweise ist letztendlich auch die Stärke des doppelbödigen Werkes zu finden, das bis zum Schluss gleichwohl spannend wie rätselhaft bleibt. Es ist nicht wirklich ein überragender oder auch wichtiger Vertreter des Film Noir, aber er versteht es doch, dessen dogmatischem Regelwerk ein wenig frischen Wind durch das Gehäuse zu pusten. So etwas ist immer sympathisch und in diesem Falle auch sehr sehenswert.
    7/10

  3. #3
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    Avatar von Travis Bickle
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    Klasse, Vince. Sehr schöne Kritik und vor allem, endlich mal ein etwas älteres Semester aus der Historie Hollywoods. Ich muß zugeben, daß ich den Film nur dem Namen nach kenne, bisher aber nie gesehen habe. Ich hatte immer ein etwas zwispältiges Verhältnis zu Bogart. Angezogen und abgestoßen zugleich. Ist irgendwie schwer in Worte zu fassen. Liegt vermutlich daran, daß ich einer der ganz wenigen bin, der "Casablanca" nicht vergöttert und ihn lediglich für einen guten Film hält. Das ich mit dieser Meinung so ziemlich allein auf weiter Flur stehe, wird mir schon immer wieder ins Bewußtsein gehämmert. Daher wahrscheinlich mein etwas schräges Verhältnis zu Bogart.

  4. #4
    Themenstarter
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    Danke dir!
    Und du wirst es kaum glauben, aber ich kann dir da fast komplett zustimmen: Bogart an sich halte ich nicht unbedingt für einen besonders guten Schauspieler und allzu sympathisch finde ich ihn auch nicht. Wenn er was hat, dann höchstens Charakterstärke.
    Und: Casablanca halte ich ebenfalls für ziemlich überschätzt, ich komme da ungefähr auf eine 6/10.

    Trotz allem habe ich mir die Bogart-Collection ins Haus geholt in der Hoffnung, auf ein paar unbekanntere Perlen zu stoßen und ich wurde nicht enttäuscht. Durch die ungewöhnliche Inszenierung könnte "Die schwarze Natter" sogar jüngeren Semestern relativ gut gefallen; "Der Schatz der Sierra Madre" ist eine stark inszenierte Anklage gegen den Kapitalismus und "Gangster in Key Largo" ist atmosphärisch unheimlich dicht mit seiner Hitze und den Tornados und selbstverständlich dem starken Duell zwischen Bogart und Edward G. Robinson.

  5. #5
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    Avatar von Travis Bickle
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    Zitat Zitat von Vince
    Und: Casablanca halte ich ebenfalls für ziemlich überschätzt, ich komme da ungefähr auf eine 6/10.
    Das wir jetzt auch hierbei einer Meinung sind, überrascht und erfreut mich in gleichem Maße. Endlich habe ich einen Platz gefunden, an dem ich mit dieser Meinung nicht völlig isoliert bin. Du kannst dir nicht vorstellen, wieviel Spott ich mir schon anhören mußte, weil ich kein Casablanca-Gläubiger bin. Prallt natürlich alles nur ab, auch wenn die Spötter ansonsten wirkliche Filmkenner sind. Genau die 6/10 würde ich bei Casablanca auch ziehen

    "Gangster in Key Largo" ist atmosphärisch unheimlich dicht mit seiner Hitze und den Tornados und selbstverständlich dem starken Duell zwischen Bogart und Edward G. Robinson.
    Jup, einer der besten Bogeys überhaupt, jedenfalls von jenen die ich kenne und das sind bei weiten nicht annähernd alle. Jedenfalls deutlich fesselnder und letztendlich auch ambitionierter als Casablanca. Eine sehr gute 7 oder eine schwache 8, wenn ich die ungeliebte 7,5 vermeiden will.

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