1. #1
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    Gesamtübersicht aller Kritiken zu Sonatine

    http://www.ofdb.de/images/film/0/776.jpg

    #2 29.08.06 Farman
    Geändert von FGTH1308 (10.11.2007 um 13:47 Uhr)

  2. #2
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    Sonatine

    In den meisten Fällen ist Filmegucken eine passive Angelegenheit. Die Leinwandcharaktere existieren für etwa zwei Stunden in einer konstruierten äußeren Wirklichkeit, die nach dem Abspann schwindet, manchmal (im Erfolgsfall, aber auch darüber kann man sich streiten) mit einem kleinen Einfluss auf unsere innere Wirklichkeit als Menschen. Da die meisten bislang kreierten Filme sich gleichen, neigt diese Kunstform dazu, sich ständig selbst zu bestätigen. Folglich neigt sie auch dazu, uns und unsere Bilder dieser Kunstform, damit verbunden unsere Bilder der Wirklichkeit zu bestätigen. Wie Godard sagte, irgendwann verliert das Ganze den Bezug zu einer Wirklichkeit außerhalb des Kinos und wird ein einziger selbstherrlicher, selbstgerechter Selbstzweck.
    Als Zuschauer bleiben wir meistens passiv, wir nehmen das Gezeigte hin, wir nehmen die Gewalt hin, wir nehmen den Tod hin, das ist alles Teil einer Geschichte, die schon zigfach erzählt wurde. Es ist Schicksal. Filme zu kucken ist wie das Schicksal zu befragen, das „Genre“ ist wie eine generell anerkannte Version des Schicksals.

    Takeshi Kitanos „Sonatine“ ist die Transzendenz, die Überschreitung des Schicksals. Diese groteske Komödie, diese meditative Tragödie von einem Gangsterfilm ist –ich sag’s gleich- für mich der innovativste Film der neunziger Jahre. Er stellt die Genreregeln auf den Kopf, aber so reflektiert, so bedeutungsvoll und gleichzeitig so beschwingt und komisch, so trocken und zynisch, dass man das Medium danach überdenken muss.
    Wir verfolgen die völlig beiläufige Geschichte von einer Reise in das entlegene Okinawa zwecks Streitschlichtung zweier verfeindeter Clans, Anführer der Reisenden ist der gemeingefährliche, psychopathische, zynische Murakawa, gespielt von Kitanos Alter Ego „Beat Takeshi“. Einige Tote später finden wir die Reisenden untertauchend in einer Strandhütte wieder. Der Inhalt des ganzen zweiten Drittels besteht darin, den Charakteren dabei zuzuschauen, wie sie ihre Zeit totschlagen, mit albernen und teils psychopathischen Spielereien, die hier nicht verraten werden sollen.

    Die Fragen, die wir uns bei all den Albernheiten stellen, sind zutiefst existenzialistisch. Nach der Enge der Stadt sind wir in der Weite des Strands, nach Gewalt und Tod sehen wir Spiel und Spaß, Freiheit und Leben. Wenn Kitano uns bloß ein paar Gegensätze vor Augen halten wollen würde, Sonatine wäre ein nettes formales Experiment und nichts weiter. Aber sein Film ist mehr. Sein Film ist die Suche nach dem Schicksal als die dialektische Vereinigung von Leben und Tod, das Plädoyer für die persönliche Entscheidung in der Ausweglosigkeit, in den Fängen der modernen, funktionalen Gesellschaft, in den Fängen von altertümlichen, menschenfeindlichen Ritualen, in den Fängen des Genres. Wer gerne „freakige“ Filme sehen will, soll zu den (zugegebenermaßen oft höchst genialen) Werken Miikes greifen, wer meint, mit Gewalt und Schock in kunstfertigen Bildern ein innovatives Stück Kino vor sich zu haben, soll lieber zu „City of God“ greifen. Wer aber etwas über den Menschen erfahren will, kommt an Takeshi Kitanos „Sonatine“ nicht vorbei.

    Ich bin eigentlich nicht derjenige, der nach dem Abspann anfängt zu flennen. Ich weiß eigentlich kaum noch, wie man äußerlich weint, ich kann’s nur innerlich. Nach dem zwanzigsten Mal „Sonatine“, dem Film, nach dem ich wie sonst kaum einem in den letzten Jahren süchtig war, kamen mir die Tränen. Da mir die Worte fehlen, viel mehr zu erzählen, beende ich diese Kritik mit einer Empfehlung (dass man ihn im Original sehen muss, ist hoffentlich klar!).

    Fazit: Ein zutiefst humanistisches Werk innerhalb einer zutiefst misanthropischen Hülle, noch nie haben Komödie und Tragödie, Zynismus und Melancholie einander so selbstredend den Hof gemacht.
    Geändert von Farman (29.08.2007 um 04:10 Uhr)

  3. #3
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    Ich hatte vor längerer Zeit eine Kritik über diesen Film angefangen, die ich neulich, d.h. vor ein paar Wochen, beendet hatte. Die Kritik ist weniger eine Kritik als ein langes Essay, ein Textmonster. Mir ist aufgefallen, dass im Web keine einzige wirklich ausführliche, gute Kritik und Analyse zu Sonatine existiert - ein Fehler, den ich zu korrigieren gedenkte. Ich glaubte zu erkennen, dass wirklich wenige Takeshi Kitano tatsächlich verstehen, und da ich ihn für nicht weniger als einen der einfallsreichsten derzeit aktiven Regisseure halte (natürlich nur innerhalb meiner bescheidenen Kenntnisse, das ganze Weltkino hab ich nicht im Überblick), war das für mich eine Herausforderung.
    Da ich ja kein Onlinekritiker bin, blieb mir als Seite nur die ofdb, wo ich das Ding jetzt reingestellt habe, mit der Hoffnung, möglichst viele werden es lesen.

    Ich verlinke das Ding einfach mal, und entschuldige mich für euren kommenden Schock da dieses gigantischen Textmonsters.
    Ich kann nicht so einfach in Worte fassen, wie sehr ich diesen Film liebe, von daher ist dieses Essay mit Herzblut geschrieben, obwohl ich am Ende nur halb so viel aus diesem kleinen, feinen Streifen rausgeholt habe wie vorher erträumt und erwünscht.

    Jedem, der den Film kennt, kann ich das ans Herz legen - vielleicht, ich sags mal unbescheiden, könnte er den Streifen danach mit völlig neuen Augen betrachten.
    Bitte sehr:
    SONATINE - Meine lange Liebeserklärung

  4. #4
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    Wie immer: Ganz tolles Teil. Eine Kritik, die im Grunde überhaupt nichts sagt über den Film, aber eben doch alles. Die Langkritik spar ich mir auf, bis ich endlich selbst erstmals in den Genuss des "innovativsten Films der Neunziger Jahre" gekommen bin. Ich kenne ihn nämlich noch nicht, auf meiner "mussdu unbedingt checken, Alta"-Liste steht er aber schon seit Ewigkeiten sehr weit oben. Und danach führ ich mir mal das Monster von Kritik in der ofdb zu Gemüte.

    Im Forum der ofdb hab ich aber schon mal mächtig die Werbetrommel gerührt für deine Kritik, denn dass sie Publikum verdient hat, steht wohl außer Frage.

  5. #5
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    Zitat Zitat von Vince
    Wie immer: Ganz tolles Teil. Eine Kritik, die im Grunde überhaupt nichts sagt über den Film, aber eben doch alles.
    Der Kollege dankt gerührt.

    Die Langkritik spar ich mir auf, bis ich endlich selbst erstmals in den Genuss des "innovativsten Films der Neunziger Jahre" gekommen bin. Ich kenne ihn nämlich noch nicht, auf meiner "mussdu unbedingt checken, Alta"-Liste steht er aber schon seit Ewigkeiten sehr weit oben.
    Ich hoffe doch sehr, du wirst den Film mögen. Ich kann natürlich nicht garantieren, dass du über ihn ähnlich empfinden wirst wie ich, sehen musst du ihn trotzdem
    Von daher: Je schneller der auf deiner Liste abgehakt ist, desto besser. Aber diese Checklisten machen mich auch wahnsinnig, die sind so verdammt lang.

    Im Forum der ofdb hab ich aber schon mal mächtig die Werbetrommel gerührt für deine Kritik, denn dass sie Publikum verdient hat, steht wohl außer Frage.
    Öhm, die Überweisung auf dein Konto erfolgt, wenn ich die Summe zusammen habe...
    Im Ernst: Sehr coole Aktion von dir, allergrößten Dank
    Hat mich ja auch verdammt viel Zeit gekostet, den ganzen Mist zu schreiben, und irgendwann hab ich mich gefragt, was das eigentlich soll. Ich wollt ALLES über den Film schreiben, was drinsteckte. Ich hab dann realisiert, dass es doch mehr auf ein Buch denn auf eine Kritik ausgerichtet war und hab vieles krass gekürzt und weggelassen. Hab mich dann bescheidener gegeben und bloß ne pervers lange Kurzkritik verfasst .

    BTW: lol, Falls Quentin tatsächlich mehr Einfluss auf die Leute haben sollte als ich -was natürlich ohne Frage bloß ein paranoider Gedanke meinerseits ist, über den ihr herzhaft lacht, aber man muss ja sichergehen- hab ich noch einen soeben gefundenen Link parat, den Leute, die absolut NICHTS vom Film gespoilert haben wollen, aber eher meiden/kurz überfliegen sollten: Tarantino über Sonatine. Ist ein Intro/Outro der amerikanischen DVD-Veröffentlichung seiner "Rolling Thunder"-Firma.

  6. #6
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    Sorry, dass ich mich erst so spät melde, doch ich bin in letzter Zeit immer ziemlich kurz angebunden und kann diesem - z.Z. sowieso viel zu unbeachtetem Forum - nur höchst selten meine vollkommene Aufmerksamkeit zu Teil werden lassen. Deine Kritik habe ich mir bisher auch nur in der Kurzfassung durchgelesen, da ich mir den Film erst ansehen möchte, bevor ich mich deiner gewaltigen Arbeit widme. Ohne es gelesen zu haben nur einmal schon so viel: Wahnsinnig schönes Ding, Farman, welches mir den Film schon mehr als schmackhaft gemacht hat. Das bewerkstelligen nur äußerst wenige Kritiken.

    So - ich werde mich nach Sichten des Filmes definitiv noch einmal zu Wort melden!
    Mit freundlichem Gruß, LivingDead
    Meine DVDs / Das Kurzkritiken-Forum

  7. #7
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    Auch an dich ein ganz großes Dankeschön, LD. Ist echt ein sehr cooles Gefühl, Leute neugierig machen zu können, dann weiß man, dass man sich nicht nur die Mühe gemacht hat, um sich danach selber auf die Schulter zu klopfen.
    Was ich jedem noch ehrlich raten kann, ist, sich auf keinen Fall die deutschsprachige DVD zu kaufen, auch wenn die so billig ist. Ist gekürzt und soll eine der schlechtesten Synchros aller Zeiten haben. Grundsätzlich sollte man sich jeden asiatischen Film, solange man die Möglichkeit dazu hat, im Original ansehen. Bei einigen speziellen wie diesem sollte man gar nicht erst auf die Idee kommen, sich eine Synchro anzutun.

    Falls jemand Interesse an diesem Streifen haben sollte, dem kann ich die AFN (Asia Film Network)-DVD empfehlen. Original mit Untertiteln, so muss es sein.

    Btw: Quentins Geplapper war natürlich in seiner Video-, nicht DVD-Veröffentlichung. Blöder Tippfehler.

  8. #8
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    DIe DVD von AFN gibts im ofdb-Shop für knapp 4 Euro. Wenn ich genug Artikel zusammen habe, damit sich eine Bestellung lohnt, werde ich den auf jeden Fall mal dazulegen.

  9. #9
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    Ich sehe gerade, deine Kritik hat es (unter dem Stichwort "Analyse") in die filmzentrale geschafft. Alle Achtung! Gibt es da noch mehr Texte von dir?

  10. #10
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    japp, haste etwa ähnlich schnell erkannt wie ich selbst
    Noch ist das der einzige, aber soll nicht der einzige bleiben. Eine bessere Plattform kann man kaum finden, von daher versuch ich mich wenn es denn zeitlich geht auszutoben. Die Wahl des nächsten Films fällt jetzt allerdings schwer, an ein Essay über Mulholland Drive trau ich mich nicht wirklich ran. Abwarten, Tee trinken, ich sag Bescheid

  11. #11
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    Ich bin auch so vier- fünfmal dort vertreten, mit Analysen allerdings nicht. Hab ja bisher auch noch keine Analysen geschrieben, würde ich mir auf dem Niveau auch nicht zutrauen.
    Dir hingegen würde ich hundertprozentig eine Mulholland Drive-Analyse zutrauen, also beweise Mut und mach dich ran!

  12. #12
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    Zitat Zitat von Vince
    Dir hingegen würde ich hundertprozentig eine Mulholland Drive-Analyse zutrauen, also beweise Mut und mach dich ran!
    Danke dir. Hab mich aber erstmal davon distanziert (oder der Mut hat sich von mir distanziert). Bin auf der Suche nach einem Opfer in Form von Zelluloid, das sich gut ausschlachten lässt. Denke an einen ausgiebigen Verris. Aber wird wohl nicht drauf hinauskommen.
    Schau dir übrigens mal endlich Sonatine an

    BTW: Kannst mir ja mal Links zukommen lassen für deine FZ-Kritiken, um mal einen Blick draufzuwerfen

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