1. #1
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    Standard Das Schweigen

    Gesamtübersicht aller Kritiken zu Das Schweigen:

    #02 16.10.07 Vince

  2. #2
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    DAS SCHWEIGEN
    Ausschnitte aus meiner ofdb-Kritik

    “Das Schweigen” ist die Analyse einer soziologischen Triade, unbestimmt definiert durch eine Mutter (Gunnel Lindblom als Anna), deren Sohn (Jörgen Lindström als Johan) und deren Schwester (Ingrid Thulin als Ester). Ingmar Bergman lässt keine ergebnisverfremdenden Umwelteinflüsse zu, er verfrachtet die drei Menschen in ein totales Isotop. Das Hotel ist alt, riesig und fast unbewohnt; der verwirrte Kellner und die Liliputanertruppe sind surreal, entfremdet von der Wirklichkeit, zählen nicht als Kontakt nach außen. Nicht einmal der Blick aus dem Fenster birgt eine natürliche Distanz, die zeigen würde, wo die Isolation beginnt und wo sie aufhört, oder wie man sie vielleicht durchbrechen könnte. Schaut Ester aus dem Fenster, sieht sie einen Panzer, der mitten in der Nacht durch die menschenleere Straße kreuzt und dabei Pausen einlegt, als gälte es, sich neu zu orientieren. Wir sind mit Ester, Anna und Johan allein und die Geschichte wird über ihre schweigenden Gesichter erzählt, gnadenlos eingefangen in jeder noch so privaten Situation.

    Das Schweigen der Charaktere lässt uns teilhaben an ihrem Innenleben. Die Kunst der Sprache wird fast komplett ausgelassen, um dem an Dialogsemantik gewöhnten Zuschauer die Augen zu öffnen für die Ursache der Worthülsen: das Innenleben der Menschen. Wie kein anderer Regisseur stellt Bergman den Menschen als hochkomplexes Wesen dar, dessen emotionale Stabilität empfindlichst von äußeren Einflüssen mitbestimmt ist, die auch durch die soziale Umwelt, also unsereins, geprägt wird. Insbesondere das facettenreiche Spiel Ingrid Thulins falsifiziert das cineastische Bild vom durch logische Impulse angetriebenen Menschen, der sich den Wünschen des Drehbuchautoren und den Rahmenbedingungen seines Plots unterwirft. Die Figur der Ester kann im vorliegenden Rahmen eine fürsorgliche Ersatzmutter sein (oder möglicherweise auch die einstmals entmachtete richtige Mutter), im nächsten Moment jedoch ein missgünstiger Succubus, den Kopf verdrehend und die Zähne fletschend. Ursache sind neben den physischen Faktoren, der Tatsache, dass sie an ihr Zimmer gebunden ist, fast immer die Handlungsmuster der Anna, die ihr Verhalten wiederum im Unterbewusstsein vom Verhalten ihrer Schwester abhängig macht. Eine destruktive Symbiose führt in einen Teufelskreis.

    Bergmans Drama ist die tragische Geschichte von Missgunst und falschen Schlüssen, ausgelöst durch fehlenden Diskurs, was veranschaulicht, wie notwendig die offene Kommunikation für ein gesundes soziales Gefüge ist. Dass sich Ester und Anna im Grunde gegenseitig durchschauen, ist belanglos, solange das Gegenüber nicht direkt mit dem Wahrgenommenen konfrontiert wird. Als Ester, die Gebildete der beiden Schwestern, endlich die Wahrheit ausspricht, ist es längst zu spät. Ingmar Bergman gelingt es, das Handeln seiner Figuren als weitgehend irrationale Kette von Schlussfolgerungen zu entlarven, die sich im Ergebnis keineswegs immer mit dem deckt, was in der jeweiligen Situation immer “das Beste” für alle Beteiligten wäre. Damit schafft er ein verblüffend exaktes Portrait vom Wesen des Menschen - eingefangen fast gänzlich über die Mimik ihrer Gesichter. Ein Symptom für das Innenleben, das nicht lügen kann, wenn man einmal gelernt hat, darin zu lesen.
    9/10

  3. #3
    Avatar von Willy_Wonka
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    Leider habe ich noch keinen Film von dem kürzlich verstorbenen Ingmar Bergman gesehen. Zu der Kritik muss man nicht mehr viel sagen, wieder eine super Leistung und sie erweckt bei mir mehr und mehr das Interesse, diesen Film sehen zu müssen. Ich kenne die Person Ingmar Bergman sehr gut, da ich schon sein Buch "Laterna Magica" gelesen habe und mit diesem Hintergundwissen werden die Filme bei mir bestimmt sehr gut wirken.
    Da ich zurzeit überhaupt nicht mehr das Fernsehprogramm überlicken kann und somit nicht weiß wann ein Film von ihm Fernsehen läuft, und wenn er laufen sollte habe ich meistens keine Zeit. Deswegen werde ich mir wie bei den meisten großen Filmklassikern, ihn direkt auf DVD holen. Arthaus gibt sich ja immer sehr viel Mühe bei ihren DVDs und deswegen interessiere ich mich sehr für die Ingmar Bergman DVD Collection (Diese).
    So deswegen meine Frage an dich Vince. Hast du schon mehrere Film aus dieser Box gesehen und wie gefallen sie dir? Sind sie alle zu empfehlen oder sind die meisten sehr extremes Kopfkino und selbst für Cineasten schwere Kost?

  4. #4
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    Zunächst mal vielen Dank!
    Dass du schon etwas von Bergman gelesen hast, dürfte dir sicher dabei helfen, dich von Anfang an gut in seine Filme einzufühlen, auch wenn ich jetzt nicht sagen kann, wie sehr, da ich "Laterna Magica" nicht kenne. Aber es ist sicher nicht verkehrt.

    Die von dir verlinkte Box besitze ich selbst, da kriegt man einen schönen Überblick über einige seiner besten Filme und wird zudem Zeuge seiner Fähigkeit, auch vollkommen unterschiedliche Themen zu bearbeiten. Allerdings gibt es einige der Filme einzeln auch in besseren Fassungen (Doppel-DVD etc.) und "Szenen einer Ehe" ist nur als Kinofassung enthalten.
    Ich mag vieles (wenn auch nicht alles) von Bergman, er ist aber schon sehr schwierig. Das Problem ist, dass man ihn stilistisch nur sehr schwer irgendwo einordnen kann. In der Regel arbeitet er sehr gerne mit Close Ups und lässt den Zuschauer sehr lange in die Gesichter der Darsteller sehen, die auch einen Großteil der Geschichte erzählen. Die Bildsprache ist sehr ruhig, grundsätzlich befasst sich Bergman mit dem Seelenleben der Menschen und seine Filme sind deswegen der dokumentarische Versuch, dieses Seelenleben nach außen zu kehren und für das Publikum begreiflich zu machen. Seelische Reflektionen des Zuschauers selbst sind dabei unbedingt erforderlich und insofern wird man halt selbst aktiv einbezogen und das macht es ein Stück weit "schwierig", die Filme einfach nur zu genießen. Es ist eher eine Erfahrung, die man dabei macht, bestenfalls mit dem Resultat einer Selbsterkenntnis. Wenn man Unterhaltung und / oder Schauwerte erwartet, wird man vermutlich enttäuscht.

    Mein Lieblingsfilm von ihm dürfte "Wilde Erdbeeren" sein - grandioses Portrait des Alters.

  5. #5
    Avatar von Willy_Wonka
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    So wie sich das anhört könnte seine Filme sehr interessant für mich sein.

    Zitat Zitat von Vince
    In der Regel arbeitet er sehr gerne mit Close Ups und lässt den Zuschauer sehr lange in die Gesichter der Darsteller sehen, die auch einen Großteil der Geschichte erzählen. Die Bildsprache ist sehr ruhig,
    Also könnte man ihn durchaus mit Stanley Kubrick vergleichen, denn seine Film sind ruhig, haben keine schnellen Schnitte, lange Kamerafahrten und auch viele Nahaufnahmen von den Gesichtern der Darsteller. Für mich gehört Stanley Kubrick zu den besten Regisseuren, und seine Filme habe ich fast alle gesehen, außer Wege zum Ruhm, Der Tiger von New York und Die Rechnung ging nicht auf (und die Filme welche es noch nicht auf DVD gibt).
    Diesen Filme werde ich aber schnellst möglich nachholen.
    Ich denke ich werde mir die Box auf den Wuschzettel setzten und in der nächsten Zeit kaufen. Ich werde meine Meinung auf jeden fall kundtun, wie mir seine Filme gefallen.

  6. #6
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    Jein zu dem Vergleich mit Kubrick; Kubricks Filme sind in der Regel epischer und narrativer ausgelegt. Bergman ist kammerspielartiger. Auch deckt sich die Sterilität seiner Charaktere (hier nicht als wertendes Wort gemeint) nicht hundertprozentig mit Bergmans Zugang zu seinen Figuren. Trotzdem ist es sicher nicht verkehrt, wenn man mit Kubrick klarkommt; das dürfte in der Tat die Chance erleichtern, dass man Bergman mag.

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